Dr. Christian Geltinger, Japan
Bayern hat seit Mitte der neunziger Jahre ein weltweites Netz von Auslandsrepräsentanzen aufgebaut. In ihren Büros von San Francisco bis Tokio werben Experten unter dem Motto „Invest in Bavaria“ für den Wirtschaftsstandort Bayern. Die über 20 Frauen und Männer vermitteln Kontakte in ihre ferne zweite Heimat, stehen aber auch bayerischen Unternehmen als deutschsprachige Ansprechpartner vor Ort zur Verfügung.
Ihr Lieblingsort in Bayern?
Die Frühstücksterasse unserer Almhütte mit Blick in den Rupertigau, fernab des Grossstadtlärms und und umgeben von Wäldern und Wiesen.
Eine bayerische Figur, die Sie besonders verehren?
Den Boandlkramer wegen seiner unendlich griabigen und menschlichen Art. Aber zugegebenermassen kam in der Kinderzeit niemand an Uschi Glas ran.
Welches Argument zieht immer, wenn Sie einen ausländischen Unternehmer für eine Investition in Bayern gewinnen möchten?
In Bayern findet er alles (um erfolgreich zu sein) ausser einen Strand am Meer. Daher empfehlen wir ersatzweise immer einen Ausflug an einen der zahlreichen bayerischen Seen, teilweise ja mit Trinkwasserqualität.
Gibt es Ihrer Ansicht nach eine besondere bayerische Mentalität?
An erster Stelle das verbindende, bodenständige und selbstbewusste „mia san mia“ Gefühl. Es färbt auch ab auf diejenigen, die sich mit Bayern identifizieren. Wenn Sie bayerngereiste Japaner „wia samma?“ fragen, können Sie schon mal ein „guad samma“ zu hören bekommen. Nahezu gleichauf sehe ich das „Leben und leben lassen“, das auch in Japan sehr ausgeprägt ist.
Welches Bild haben Ihre Kunden von Bayern?
Bei Geschäftsleuten steht Bayern synonym für beste Qualität und fortschrittliche Technologie „made in Germany“. Man begegnet sich da auf Augenhöhe. Fragt man einen Japaner auf der Strasse oder im Zug nach Bayern, reicht die Palette der Antworten von Oktoberfest, Hofbräuhaus, Neuschwanstein, Bayreuth, Romantische Strasse bis hin zur Weißwurst und Bier. Bei Feinschmeckern kommen auch Dallmayr und weisser Spargel hinzu. Auch der FC Bayern München und die Allianz Arena geniessen in Japan längst Kultstatus.
Ihre Ratschläge: Was sollte ein ausländischer Investor unbedingt vermeiden, wenn er in Bayern ist?
24 Stunden/7 Tage die Woche in seinem Büro sitzen. In Bayern gibt es zu viel zu entdecken und für sein Unternehmen zu nutzen: in allen Landesteilen gibt es gerade Klein- und Mittelständler, die in ihrem Bereich Weltmarktführer sind, gibt es Fakultäten und Institute, die echte Spitzenforschung betreiben, gibt es Netzwerke und Veranstaltungen auf höchstem Niveau (Stichwort Cluster).
Was sollte er auf jeden Fall tun?
Hier gilt das Sprichwort: Jede noch so lange Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Gerade bei den ersten Gehversuchen im neuen Umfeld ist es wichtig, schnell Partner für praktische und persönliche Hilfestellungen in Bayern zu finden. Das bayerische Wirtschaftsministerium und seine Servicestelle Invest in Bavaria bieten diese Unterstützung, übrigens auch in der japanischen Landessprache. Das wird auch sehr positiv von den bereits zahlreich in Bayern lebenden und arbeitenden Japanern angenommen.
Vor dem Tragen der landestypischen Tracht oder dem artgerechten Verzehr bayerischer Spezialitäten vor 12 Uhr sollte auf jeden Fall der Rat oder Beistand einheimischer Mitarbeiter und Freunde eingeholt werden. Sie können sich ja revanchieren, wenn Japan-Neulinge in die japanische Ess- , Tee- und Badekultur eingeführt werden sollen.
Welche Besonderheiten wiederum erwarten bayerische Unternehmer in Ihrem Land?
Japan ist im Gegensatz zu Bayern eine Insel bzw. Inselgruppe, auch wenn wir Bayern gerne als Insel der Glückseligen sehen. Die geografischen, sprachlichen und klimatischen Gegensätze sind sehr groß und reichen von den südpazifischen Okinawa Inseln bis hin zur Nordinsel Hokkaido, die gerne auch als das japanische Europa oder Alpen bezeichnet wird. Die geografische und vor allem die politisch gewollte jahrhundertelange Isolation vom Rest der Welt prägen viele Verhaltensweisen und Gepflogenheiten noch heute. Kaum eine Bevölkerung ist so homogen geblieben wie die Japanische. Dadurch hat sich ein ganz eigenes Anspruchsdenken an Produktdesign und After-Sales Service herausgebildet, verbunden mit höchstmöglicher Qualität und schnellen Innovationszyklen. Dies sind wichtige Faktoren, die über den Erfolg eines Produkts in der immer noch zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt entscheiden.
Kennen Sie einen bayerischen Fluch?
Mmmh.... ja Himmiherrgottsakramentkreizkruzinesn! Jetzt mag mir grad keiner einfallen.
Wissen Sie, was ein Schneiztiache und ein Fuizpantoffe sind?
Ein Schneiztiache ist in Japan durchaus sinnvoll, weniger zum Naseputzen als denn zum Abtupfen von Schweissperlen im heiss-schwülen Sommer. Und ohne Fuizpantoffe – in Japan aber eher „surippa“ genannt – läuft in Japan gar nix. Hier gilt das Motto „Schuhe aus – Pantoffeln an“.
Fragebogen: Ulrike Heidenreich / Süddeutsche Zeitung

